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Kaffee aus Sicht der Chinesischen Medizin

  • Posted on:  Donnerstag, 01 Juli 2010 00:00
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Kaffee aus Sicht der Chinesischen MedizinSigrid Rossmann

Eine Tasse Kaffee im Straßencafé genießen - das gehört zum Sommer. Vorbei die Zeiten, in denen wir dafür in den Süden reisen mussten. Denn auch bei uns gibt es mittlerweile ein vielfältiges Kaffee-Angebot: Café Crème, Cappuccino, Espresso, Latte Macchiato, Cafè au lait u.a. finden Sie oft gleich um die Ecke. Aber wie gesund ist eigentlich Kaffee? Sollten Sie aus Sicht der Chinesischen Medizin auf den Kaffee-Genuss besser verzichten?

Kontroverse Standpunkte

Die Frage ist insofern relevant, weil die Deutschen nicht nur ein Volk der Biertrinker, sondern vor allem der Kaffeetrinker sind. Der Kaffeekonsum übertraf mit 148 Liter pro Person sogar den Bierkonsum mit 115 Litern (Zahlen von 2008).

Für Puristen ist dies allemal ein Grund, den Kaffee unter dem Gesichtspunkt gesunder Lebenshaltung in Frage zu stellen oder gar abzulehnen. Die vor kurzem erst geführte Diskussion darüber, ob Kaffee als tägliches Getränk nicht die Flüssigkeitsbilanz negativ beeinflusse, ist Ihnen vielleicht noch in Erinnerung. Viele Berichte über deutlich nachteilige Wirkungen des Kaffees stellten sich im Nachhinein als falsch heraus.

Sogar der Grüne Tee, den Ernährungsexperten als Alternative empfehlen, wurde wegen seines Koffeingehaltes von den Kaffeegegnern abgelehnt. Was ist also dran am Kaffee?

Kaffee ist nicht gleich Kaffee

Sie sollten wissen, dass es unterschiedliche Arten von Kaffee gibt. Achten Sie doch beim nächsten Einkauf einmal genauer darauf.

Kaffee (Coffea) ist eine Pflanzengattung aus der Familie der Rötegewächse (Rubiaceae) mit etwa 90 Arten, die berühmtesten unter ihnen sind Arabica-Kaffee (Coffea arabica) und Robusta-Kaffee (Coffea canephora). Was die jeweiligen Anbaugebiete betrifft, so ist Arabica ein Hochlandkaffee, Robusta ein Flachlandkaffee.

Anbauort, Sorte, Ernte und Verarbeitung entscheiden darüber, ob aus dem Kaffee ein Gourmet-Kaffee oder eine preiswerte Mischung entsteht. 60 Prozent der Weltproduktion macht der ursprünglich aus Äthiopien stammende Coffea arabica aus.

Eine nasse (gegenüber der trockenen) Aufbereitung der Bohne durch „Waschung“ nach der Ernte verleiht der Bohne einen noch besseren Geschmack und ist typisch für die Arabica-Bohnen.

Im 15. Jahrhundert wurde zum ersten Mal im Süden von Jemen systematischer Kaffeeanbau dieser Sorte betrieben. Ab dem 17. Jahrhundert breitete sich der Arabica-Kaffee über Sri Lanka, Java und Südamerika weltweit aus.

Demgegenüber ist der Robusta-Kaffee (Coffea canephora) schnellwüchsiger, ertragreicher und widerstandsfähiger. Im Vergleich zu diesem hat die Robusta-Sorte einen höheren Säureanteil und verschiedene Bitterstoffe, die ihr einen typischen Geschmack verleihen. Sie weist zudem einen doppelt so hohen Koffeinanteil, aber weniger Öl auf als die Arabica-Sorte.

Robusta-Kaffee wird in einigen südlichen Ländern häufig für Mischungen verwendet, die den dort typisch herben Geschmack verursachen. Der gute Robusta wird in der Regel für italienischen Espresso verwendet, da er die Cremabildung verbessert. 

Duftende Köstlichkeit erst durch das Rösten

Erst das Rösten der Bohnen bei 200 bis 230° C in einer Trommel verwandelt die grünen Rohkaffeebohnen in duftende, aromatische Köstlichkeiten. Während des Röstens verdampft das Wasser in den Bohnen bläht sie auf das Doppelte ihres Volumens auf. Eine Unmenge von Aromastoffen werden bei der chemischen Veränderung von Zucker und Eiweiß freigesetzt. Entscheidend ist die Dauer des Röstens und die Temperatur.

Langsame Röstung hilft, unerwünschte Säuren, die zunächst entstehen, wieder abzubauen. Deshalb sind langsam dunkel geröstete Espressobohnen in der Regel säureärmer als hell geröstete Bohnen und für den Magen bekömmlicher. Espressobohnen erkennen Sie aber auch an ihrem feinen Glanz. Der entsteht während des langen Röstens durch die austretenden Öle und verleiht zusätzlich ein besonderes Aroma.

Wei und Qi - Geschmack und Aroma

Wie jedes Nahrungsmittel hat auch der Kaffee einen Anteil von Wei, Geschmack, und Qi, Aroma. Der Geschmack ist die Yin-Komponente und beständiger als das Aroma, das Yang-Qualität hat und deshalb flüchtiger, aber auch dynamischer ist. Der Geschmack ist der nährende Anteil, das Aroma der bewegende Anteil. Sie kennen das vielleicht von ätherischen Ölen, die nicht nähren, aber derart bewegen, dass sie rasch Kopfschmerzen lindern oder beruhigen können.

Aroma-Öle des Kaffees sind leicht flüchtig, in Verbindung mit Sauerstoff oxidieren sie rasch und werden schnell ranzig. Kaffee sollten Sie deshalb immer luftdicht verschließen und am besten kühl lagern, damit sich das Yang nicht verflüchtigen kann.

Das Aroma nehmen Sie mit der Nase wahr. Ob der Kaffee nun vollmundig ist, sagt Ihnen Ihr Gefühl im Mund. Die fruchtige Säure des Kaffees macht sich als Geschmack am Gaumen bemerkbar.

Entfaltung des Aromas durch Mahlen

Mahlen Sie Ihren Kaffee vor dem Kochen immer selbst. Gemahlen werden soll mit einer Mühle statt mit einer Propellermühle mit Schlagwerk, die die Bohnen zerschlägt statt mahlt. Bei der Mühle können Sie den Mahlgrad (fein bis grob) einstellen und die Bohnen gleichmäßig mahlen ohne dass sie heiß werden.

Je länger der Kaffee mit dem Wasser in Kontakt bleibt, desto grober sollten die Bohnen gemahlen sein.

Grob gemahlen: Aufguss-Kaffee oder Pressstempelkanne

Mittelfein gemahlen: Filterkaffee mit Kaffeemaschine

Feiner gemahlen: Hand-Filterkaffee

Sehr fein gemahlen: Espresso mit kurzer Brühzeit

Am feinsten gemahlen (mit spezieller Mokka-Mühle): türkischer Kaffee

Energetische Eigenschaften und Wirkungen des Kaffees

Das Rösten von Nahrungsmitteln verändert prinzipiell das Temperaturverhalten hin zu mehr Wärme. Zugleich handelt es sich um einen Trocknungsvorgang. Die Rohbohnen verlieren durch den Wasserverlust beim Rösten etwa 20 Prozent ihres Gewichts. Infolgedessen vermindert sich eine mögliche befeuchtende Wirkung.

Kaffee hat warmes Temperaturverhalten und ist bitter und süß.
Kaffee wirkt auf das Herzkreislauf-System, Lunge, Leber und Nieren.

Die Wirkungen sind nach Priorität im Einzelnen:
1. Qi regulierend und Qi bewegend
Indikationen: Verdauungsschwäche, Gallenflussstau, Obstipation, Verstopfung, verlangsamte Darmperistaltik, Asthma, Keuchhusten, Stress, Antriebslosigkeit, Schlafsucht, Kreislaufschwäche, Migräne, kalte Extremitäten

2. Feuchtigkeit ausleitend und Diurese fördernd
Indikationen: Ödem, Bauchwassersucht, Miktionsstörung

3. Nahrungsretention auflösend
Indikationen: Völlegefühl, Verdauungsschwäche, Kopfschmerz

In geringerem Maße:
4. Milz-Qi, Magen-Qi, Lungen-Qi tonisierend
Indikationen: Konzentrationsschwäche, Zerstreutheit, chronische Bronchitis, Lungenemphysem, Malabsorptionsstörung, Müdigkeit, Hypotonie

5. Feuchtigkeit auflösend und transformierend
Gallenstein-, Diabetes mellitus-, Leberkrebs-, Dickdarmkrebs-, Herzinfarkt-Prophylaxe, Malabsorptionsstörung

Angaben nach: Blarer Zalokar, Ulrike von / Rüegg, Eve / Fendrich, Barbara / Kamb, Petra / Haas, Karin: Praxisbuch Nahrungsmittel und Chinesische Medizin. Wirkungsbeschreibungen und Indikationen der im Westen gebräuchlichen Lebensmittel (BACOPA)

Bestellen über: www.naturmed.de

Ineinander greifende energetische Auf- und Abwärtswirkung

Die im Kaffee enthaltenen Röststoffe, die Chlorogensäure und das Koffein wirken anregend auf den Magen-Darm-Trakt und das Leber-Gallen-System. Aus diesem Grund hat Kaffee eine leicht abführende Wirkung.

Koffein stimuliert bereits nach 20-30 Minuten das Zentralnervensystem, erhöht die Wachheit und verringert die Schläfrigkeit. Außerdem steigert es die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit, in dem die Reizverarbeitung beschleunigt wird.

Durst lässt sich mit Kaffee nicht löschen, weil der bittere Geschmack trocknend wirkt. Damit hilft er, Flüssigkeitsansammlungen der Mitte entgegen zu wirken, entlastet also den Funktionskreis Milz. Eine geringe Menge Zucker lässt den Kaffee sehr schnell süß werden, was bei anderen bitteren Heilkräutern nicht der Fall ist. Das ließe den Schluss zu, dass Kaffee auch eine süße Geschmackskomponente besitzt.

Die Magensäfte anregende Wirkung kann sich bei empfindlichem Magen unangenehm bemerkbar machen. Bei Verdauungsschwäche und Appetitverlust stärkt der bittere Geschmack die Magen-Funktion, deren physiologische Energie-Richtung nach unten auf den Darm gerichtet ist. Kaffee, das wäre der Espresso nach dem Essen, hilft, den Nahrungsbrei nach unten abzusenken. Allgemein lässt sich feststellen, dass Kaffee den Verdauungsprozess unterstützt, zumal er auch die Gallenausschüttung fördert.

Kaffee besitzt eine ineinander greifende Auf- und Abwärtswirkung. Die warme Energie des Kaffees lässt die Energie zugleich nach oben steigen. Dadurch wird trübes Yin, das die Konzentration beeinträchtigt oder Kopfschmerzen verursacht, durch das klare Yang verdrängt. Auch hier wird die Arbeit des Funktionskreises Milz unterstützt, das Klare nach oben zu heben und so das (gerichtete) Denken zu unterstützen.

Wie viel Kaffee darf ich trinken?

"All Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist." 
(Paracelsus)

In der Chinesischen Medizin werden Heilkräuter in Form von Samen oder Bohnen meist in einer Dosis von 6-18 gr pro Tag verabreicht. Eine normal große Tasse Kaffee enthält etwa 6-9 gr gemahlene Bohnen. Trinkt man nicht mehr als höchstens zwei bis drei Tassen davon am Tag, gehört diese Menge noch in den zumutbaren Bereich. Für diese Menge gelten die hier genannten positiven Wirkungen des Kaffees. Überflüssig zu erwähnen, dass höhere Tagesdosen durchaus schädliche Wirkung haben können.

Zucker mildert den bitteren Geschmack ab. Zu bedenken ist jedoch, dass ein zu viel an Zucker die Umwandlungsfunktion des Funktionskreises Milz überfordern kann.

Milch im Kaffee mildert ebenfalls den bitteren Geschmack und schützt zugleich den Magen, der nach Befeuchtung verlangt. In Maßen getrunken, wird durch die Milch im Kaffee selbstverständlich kein Schleim produziert, sondern ganz im Gegenteil die Milz gestärkt (süßer Geschmack) sowie der Magen gestärkt und geschont (befeuchtende und kühlende Wirkung).

Wandlungsphasen- oder Elementebezug

Die Kaffeebohne ist, wenn sie geerntet wird, grün. Das würde sie dem Holz-Element zuordnen. Dazu passt, dass Kaffee eingezwängtes Leber-Qi löst und so ein Gefühl starker mentaler und körperlicher Vitalität erzeugt. Daneben reinigt Kaffee die Gallenblase und schützt vor Gallensteinen.

Kaffee hilft, die Holz- und Erde-Energie auszugleichen. Größere Mengen an Kaffee können jedoch das Leber-Yang zu stark stimulieren.

Die Kaffeekirschen haben eine rote Farbe und können dem Feuer zugeordnet werden. Das Rote umhüllt die Kaffeebohne. Zur Wandlungsphase Feuer gehört das Herz und der Geist (Shen). Kaffee öffnet die Sinnesorgane und wirkt stimulierend und fokussierend auf die mentale Aktivität.

Kontraindikationen

Aus den genannten Eigenschaften und Wirkungen lassen sich folgende Kotraindikationen ableiten:
Die trocknenden Eigenschaften des bitteren Geschmacks sowie die belebende Wirkung des Coffeins sind bei Yin-Mangel und Blut-Mangel nicht förderlich. Yin-Mangel ist häufig mit Leere-Hitze verbunden und eine Form der Überfunktion, die Coffein noch erhöhen würde.

Gastrointestinale Beschwerden, die zum Beispiel mit gereizten Schleimhäuten oder Yin-Mangel zusammen hängen, können durch Kaffee verschlimmert werden. Bei bestimmten Formen des Bluthochdrucks und Schlafstörungen ist vom Kaffee-Genuss ebenfalls abzuraten, da Kaffee das Zentralnervensystem stimuliert.

Ausblick

Kaffee-Genuss muss also nicht gesundheitsschädlich sein. Wenn Sie ihnen gut tun, dann freuen Sie sich auf zwei oder drei Tassen Kaffee am Tag. Trinken Sie ihn in Ruhe und nicht „to go“. Dafür ist er zu schade.

Bei Ihrer Auswahl von Kaffee achten Sie bitte darauf, dass er fair gehandelt und biologisch angebaut wurde.

Gelesen 6930 mal Letzte Änderung am Sonntag, 01 Dezember 2013 22:54
Helmut Magel

Jahrgang 1946, Heilpraktiker, Lehre, Grafik-Design- und Lehramts-Studium, Ausbildungen in TCM, Kalligraphie und Qi Gong in Deutschland, seit 1990 eigene TCM-Praxis; 1995 bis 2001 Redakteur der TCM-Beiträge der AGTCM in der “Volksheilkunde”, Fortbildungen in TCM bei B. Kirschbaum, für westliche Kräuter bei F. Ramakers, J. Ross und E. Mosheim-Heinrich, Dozent seit 1996, seit 1999 Leitung der August-Brodde-Schule, Autor zahlreicher Fachartikel zur Chinesischen Medizin.

Webseite: www.helmut-magel.de
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