Erfreuen Sie sich an der Herbst-Symphonie der Farben

Wir stehen vor dem Übergang der warmen zur kalten Jahreszeit. Der Herbst hat kalendarisch am 21. September begonnen. Im Moment herrscht noch ein Gleichgewicht zwischen warm und kalt und verweist auf das Sternbild der Waage in unserer Tradition. Die Natur zeigt sich noch einmal von ihrer schönsten Seite. Eine Symphonie von Farben leuchtet auf im goldenen Oktober. Goldgelbe und braune Blätter in allen Abstufungen, weiße, rote, lavendelfarbene, violette Tupfer der Herbstastern und Herbstanemonen in den Gärten.

Ernte für den Wintervorrat

Jetzt sind die schwarzen Holunderbeeren und die Haselnüsse reif. Sie haben noch Gelegenheit, Holunderbeeren zu pflücken und Holundersaft zu kochen. Die heimischen Äpfel werden geerntet und die letzten Zwetschgen. Die Herbst-Äpfel werden bis März, April gelagert und sind über den ganzen Winter verfügbar. Sie brauchen also im Winter und Frühjahrsbeginn nicht auf Äpfel aus Übersee zurückzugreifen. Früher hat man auch Kartoffeln für den Winter im Keller eingelagert.

In der nächsten Phase, dem Vollherbst, sind Mais, Sonnenblumen und Walnüsse reif und können geerntet werden, ebenso die Weintrauben. Haben Sie heuer schon Federweiße probiert?

Gesät wird dagegen der Winterroggen und die Wintergerste, schließlich geht das Leben weiter. Aber es zieht sich langsam zurück.

Geist und Energie sammeln

Die Tage werden spürbar kürzer, die Dunkelheit nimmt zu, der Nebel steigt auf. Die Pflanzensäfte ziehen sich in den Stamm und die Wurzeln zurück. Die Pflanzen treten in eine Ruhephase ein. Die Blätter beginnen auszutrocknen, verfärben sich, welken und fallen zu Boden. Ein Teil der Natur stirbt ab.

Sicher kennen Sie die melancholische Stimmung, die sich angesichts der fallenden Blätter und der verblühenden Blumen einstellt. Wir besinnen uns mehr auf uns selbst, ziehen uns ins Innere zurück. Dies gehört zum Lebensrhythmus und hat nichts mit einer Depression im medizinischen Sinne zu tun.

"So wie das Wetter im Herbst unwirtlicher wird, so verändert sich auch das emotionale Klima. Deswegen ist es wichtig, Ruhe und Frieden zu bewahren und nicht in Depressionen zu verfallen, denn nur so kann der Übergang zum Winter reibungslos verlaufen. Es ist die Zeit, Geist und Energie zu sammeln, sich auf weniges zu konzentrieren und die Begierden im Zaum zu halten", heißt es im Klassiker der Chinesischen Medizin. Der Poet drückt es so aus:

Nimmermehr Sturm und Drang
nimmermehr Sehnsuchtsklang,
leise nur atmest du
süßer Erfüllung Ruh.
Aber vernehmbar auch
klaget ein scheuer Hauch,
der durch die Blätter weht,
dass es zu Ende geht.
(Eduard Möricke)

Im Zyklus der Fünf Elemente ist dem Herbst die Lunge zugeordnet. Zu ihr gehört die Trauer. In allen Kulturkreisen erinnert der Herbst an das Vergängliche.

„Der Herbst ist kühl, der Wind bläst stark und die Luft ist klar. Man sollte den Geist befrieden und so die Auswirkung der Herbststürme zu mildern. Geistige Tätigkeiten sollte man mäßigen, um das Herbst-Qi auszugleichen und mit Gefühlsäußerungen zurückhaltend sein, um das Lungen-Qi zu harmonisieren,“ so steht es in dem Medizin-Klassiker Neijing Suwen der alten Chinesen.

Gelassen stieg der Herbst ans Land,
lehnt träumend an der Berge Wand;
sein Auge sieht die goldne Waage nun
der Zeit in gleichen Schalen ruhn.
(Eduard Möricke)

Und doch birgt das stärker werdende Yin (Ruhe, Kälte, Dunkelheit) im Keim sein Gegenteil: Denn die Pflanzen bilden Knospen. In ihrem Innern wird bereits im Herbst alles angelegt, was den Baum, die Blume oder Pflanze ausmacht. Alle vegetativen Triebe, das heißt: Spross, Blätter und Blütenstände, sind in der Knospe enthalten und warten auf das nächste Frühjahr.

Es knospt
unter den Blättern
das nennen sie Herbst.
(Hilde Domin)

Lungen-Energie stärken

Im Herbst überwiegt die Trockenheit, die Körpersäfte ziehen sich zurück und bereiten sich auf den Winter vor. Die Funktionsfähigkeiten von Lunge und Dickdarm müssen besonders geschützt werden. Störungen können sich als trockener Husten, Verstopfung oder trockene, rissige Haut zeigen.

Deshalb sollten Sie im Herbst weniger Scharfes essen. Die Ausbreitungsfunktion der Lunge ist zu dieser Zeit übermäßig stark, was zu Trockenheit führen kann. Und übermäßig Scharfes trocknet aus. Stattdessen sollten Sie mehr Saures essen, z.B. Obst, das jetzt geerntet wird. Dazu zählt auch die Hagebutte, deren Schalen Sie als Tee aufgießen können. Auch in Essig eingelegte Gemüse sind förderlich. Damit nähren Sie die Körpersäfte.

Der saure Geschmack entspricht der Yin-Bewegung des Herbstes, dem Sich-Zurückziehen des Lebens, der Zeit der Ruhe. Der saure Geschmack wirkt vor allem zusammenziehend, bewahrend, festigend. Er ist am meisten der Metall-Qualität des Herbstes angemessen. Insbesondere die Früchte, die im Herbst gereift sind und sauer (meist zugleich auch süß) schmecken, unterstützen die sich nach innen zurückziehende Energiebewegung des Metalls und Herbstes. Daneben bleibt für den scharfen Geschmack die Funktion bestehen, für die Verbreitung der Lungen-Energie zu sorgen.

Helmut Magel, Heilpraktiker und TCM-Therapeut in Wuppertal
Schulleiter Pädagogik und Konzeption der August-Brodde-Schule