Anzeige

Nahrungsmittelunverträglichkeiten aus Sicht der chinesischen Medizin

Artikel bewerten
(4 Stimmen)
  • Drucken
  • eMail
Nahrungsmittelunverträglichkeiten aus Sicht der chinesischen MedizinWolfgang Dirscherl

Nahrungsmittelunverträglichkeiten nehmen zu – aber warum? Und was ist der zugrunde liegende krankmachende Mechanismus?

Nahrungsmittelunverträglichkeiten liegen nach Auffassung des Arztes und TCM-Therapeuten Michael Wullinger in einer energetischen Schwäche des Funktionskreises Milz begründet. Dieser Funktionskreis ist dafür verantwortlich, die Energie aus den Nahrungsmitteln aufzunehmen und im Körper zu verteilen. Funktioniert der Funktionskreis Milz nicht ausreichend, ist der Ablauf gestört, steht dem Körper nicht genügend Energie zur Verfügung, deshalb fühlen sich Menschen mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten oft so energielos und schlapp.

Eine Milzfunktionsschwäche kann unter anderem durch falsche Ernährung entstehen. Zum Beispiel begünstigen zu viel Obst, Weizen- und Milchprodukte aus Sicht der TCM „Feuchtigkeit“. Tatsächlich gehören diese Lebensmittel mit zu den häufigsten Übeltätern bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Der Funktionskreis Milz mag es aber „trocken“. „Zu viel Feuchtigkeit erstickt die Milz“, heißt es in der Chinesischen Medizin. Sekundär kann sich durch die Milz-Schwäche eine „feuchte Hitze“ entwickeln. Menschen mit feuchter Hitze haben oft einen geröteten Zungenkörper und gelben Zungenbelag.

Aber auch Stress und unterdrückte Gefühle können zu „feuchter Hitze“ führen. Dadurch wird der Funktionskreis Leber gestört, der für den freien Fluss des Qi im Körper verantwortlich ist. Eine gestaute Leber-Funktion kann auf der einen Seite die Milz angreifen und in ihrer Funktion schwächen. Auf der anderen Seite begünstigt Stagnation Hitze im Körper. Das Resultat kann also erneut „feuchte Hitze“ sein.

Wichtig zu wissen: Wenn ich von „Milz“ oder „Leber“ im Zusammenhang mit der Chinesischen Medizin spreche, meine ich damit nicht anatomisch das Organ, der „Funktionskreis Milz“ beschreibt eine bestimmte Funktion im Organismus. 

Akupunktur und chinesische Kräuter können krank machende Faktoren aus dem Körper treiben. Von Selbstversuchen mit chinesischen Kräutern ist jedoch dringend abzuraten. Das sollte in den Händen erfahrener Therapeuten bleiben, die mit Hilfe von Puls, Zustand der Zunge und der Krankengeschichte den Energiezustand des Körpers beurteilen können.

Denn nicht immer liegt einer Nahrungsmittelunverträglichkeit eine feuchte Hitze zugrunde. Bei der Zöliakie zum Beispiel herrscht oft vor allem Kälte im Körper vor. Das erfordert ein anderes therapeutisches Vorgehen.

Natürlich spielt auch die chinesische Diätetik eine Rolle. Wichtig ist es nach der Chinesischen Medizin, regelmäßig warme, nicht zu große Portionen zu essen. Da gekochtes Essen besonders gesund ist, sollte mindestens eine warme Mahlzeit dabei sein, besser sogar drei warme Mahlzeiten.

Alkohol, große Mengen Fleisch, fettige Speisen, Süßigkeiten, Kuhmilchprodukte und Weizenmehl begünstigen feuchte Hitze; deshalb sollten diese nur in Maßen gegessen werden. Ungünstig sind auch geröstete Nüsse und Geräuchertes.

Gesundheitsfördernd sind einfache, leichte Mahlzeiten mit frischem Gemüse und frischen Kräutern, besser gedünstet oder leicht gekocht als roh.

Zusätzlich können auch hierzulande bekannte Kräuter zum Einsatz kommen: Kardamom vertreibt Feuchtigkeit aus dem Körper. Nach dem bekannten Therapeuten Jeremy Ross wirkt der Gelbe Enzian kühl und bitter, Wermut klärt Hitze. Auch Grüner Tee und Löwenzahn leiten feuchte Hitze aus dem Körper aus.

Ganz wichtig ist in der Chinesischen Medizin: keine Übertreibung! Vorzuziehen ist immer der Weg der Mitte. Wer die ganze Zeit nur auf „gesunde Nahrung“ und das „richtige Essen“ starrt und dabei den Spaß am Leben vergisst, tut sich nichts Gutes. – Freude ist eine wichtige Medizin!

Zubereitungsart verändert Wirkung

Nicht nur das Lebensmittel an sich kann den Körper wärmen oder kühlen. Auch die Art der Zubereitung hat einen deutlichen Effekt. In den Lebensmitteltabellen der Chinesischen Medizin steht unter anderem bei Banane, dass sie abkühlend und die Därme befeuchtend wirkt. Doch was ist, wenn wir die Frucht bearbeiten? Ich kann sie in einem Teig ausbacken, mit ihr das in den USA beliebte Bananenbrot backen oder Bananeneis herstellen. Jede dieser Zubereitungsarten verschiebt die Wirkung hin zu neutralem Temperaturverhalten.

Ein Apfel wirkt leicht kühlend. Aber als Backapfel, kombiniert mit wärmenden Rosinen, heiß wirkendem Zimt und neutralem Honig erwärmt die Frucht den Körper.

Es kommt also nicht nur auf das Lebensmittel an sich an, sondern auch auf die Art der Zubereitung und die Kombination.

Wenn ich ein Lebensmittel in Richtung Kühle verändern möchte, stehen mir eine Reihe von Zubereitungsarten zur Verfügung. Ich kann es blanchieren, erfrischende Zutaten wie Obst oder Sprossen hinzugeben, es eisgekühlt servieren, in Sojasoße einlegen oder keimen lassen. Auch in das Einlegen in Öl verschiebt die Wirkung in Richtung Kühle. Roh genossene Nahrungsmittel wirken meist kühlend.

Möchte ich den Körper erwärmen, nutze ich erhitzende Methoden, ganz klar: An erster Stelle steht das Kochen. Weitere Möglichkeiten sind Braten, Backen, Rösten und Grillen. Auch Einlegen in Alkohol verschiebt die Wirkung in Richtung Wärme.

Gelesen 8510 mal Letzte Änderung am Freitag, 29 November 2013 00:12
Miriam Betancourt

geboren 1971, ausgebildete Journalistin. Sie beschäftigt sich seit 2000 vor allem mit der chinesischen Ernährungslehre sowie chinesischen und heimischen Kräutern. TCM-Stationen in der August-Brodde-Schule in Wuppertal und beim Pacific College of Oriental Medicine.

Webseite: www.culina-medica.de
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten
Anzeige